Ein Desaster kann auch seine faszinierenden Seiten entfalten – man muss sich nur vor Augen halten, dass es immer zwei Seiten der Lage gibt. Desaster: Brand auf der Potsdamer Hütte, Totalsanierung notwendig, Wintersaison fällt aus, Einnahmen für Hüttenpächter und die Sektion Dinkelsbühl fehlen. Versicherungen können den Ärger und den Schaden abmildern, aber die Wiederherstellung der Hütte kostet viel Energie und Geld.

Was ist denn die andere Seite? Die Hütte wird umfangreich saniert, längst überfällige Maßnahmen können und müssen angegangen werden: nicht nur der Brandschutz profitiert davon, sondern auch jeder Besucher, der sich nun über warme, sanierte Waschräume, eine zusätzliche Dusche, mehr Komfort im Lager, eine kuschelig warme Stube – auch im Erker am Fenster – und im Sommer über eine tolle Terrasse mit Blick ins Fotschertal freuen kann. Nebenbei gibt es auch einen neue Hüttenwirtsfamilie, die die Bewirtschaftung im Sommer mit einem improvisierten, der Baustelle geschuldeten Betrieb gestartet hat. Die Wintersaison 2018 / 2019 kann kommen!
Aber eine kleine Gruppe von Skitouristen durfte die „Vorteile“ der geschlossenen Hütte schon in der letzten Saison erleben. Der Preis dafür: Schweres Gepäck, viel Spurarbeit und etwas Frieren im Nachtlager. Die Belohnung: frischer, unverspurter Pulverschnee, hochwinterliche, einsame Tage in einem sonst stark frequentierten Skitourenparadies und die Wiederentdeckung der Genügsamkeit: Wärme (nur) am Ofen, Spaghetti-/Spätzle-/Linsen-Gerichte, Nächte im Schlafsack
in kaltem Lager, Wasser durch Schneeschmelzen und Skitourenfreuden, die unbeschreiblich sind.

Für die Beteiligten: Dieter, Johannes, Martin, Steffen, Uwe und Jenny ein unvergessliches Erlebnis! Die Fotos können nur einen Eindruck der Tage vermitteln. Das ständige Brummen der Kocher in der Hütte sieht man auf den Bildern nicht: es mussten über 100 Liter Schnee geschmolzen werden, um Getränke und Essen zuzubereiten. Die Kälte kann man auf den Bildern zwar erahnen, aber fühlen kann man sie zuhause nicht (…und wie hat der Autor in der ersten Nacht in seinem Schlafsack gefroren!).

Das Rauschen und Knirschen des Schnees beim Spuren, bzw. bei der Abfahrt – verbunden mit dem Gefühl sich in Daunenfedern zu bewegen: auch das kann man sich vielleicht vorstellen, aber es wirklich zu erleben ist noch einmal ganz was Anderes. Der Genuss von Linsen mit Spätzle und Saitenwürste – hart erarbeitet durch Schneeschmelzen und das Hochtragen der Zutaten: ein kulinarischer Traum!

Vielleicht hat auch das Bewusstsein der Einmaligkeit dieses Wochenendes den tiefen Eindruck hinterlassen. Und vielleicht genau deshalb freuen wir uns auf die „neue“ Potsdamer Hütte mit neuen Hüttenwirten und neuem Komfort. Den werden wir ganz bewusst erleben und uns immer wieder an diese einmaligen Tage erinnern.

> Johannes Rauschnabel