Vor etwa 100 Jahren reichte der von den Nordwänden der Königspitze nach Sulden herabziehende Gletscher noch fast bis in den Talboden auf rund 1900 m. Hochtouren zu dieser Zeit erforderten noch echte Pionierarbeit und waren oft mit einem großen Maß an Abenteuerlust und Wagemut verbunden. Im Laufe der Zeit gingen die Gletscher jedoch immer weiter zurück, die Ausrüstung wurde besser und es zog immer mehr Menschen in die Alpen. Berge wie die Cevedale wurden zu regelrechten Touristenmagneten, die an Tagen mit gutem Wetter und passenden Verhältnissen hunderte Besteigungen erfahren. Aus diesem Grund legten wir den Termin für eine mögliche Besteigung auf einen eher frühen Zeitpunkt Mitte Juni, um diesem Massentourismus möglichst aus dem Weg zu gehen.

Und tatsächlich hatten wir mit dieser Strategie Erfolg. Der Gletscher im Aufstieg von Sulden zur Casatihütte war vollkommen unverspurt und erforderte eine eigenständige Spurwahl mit allem was dazu gehört. An mehreren Stellen mussten vermutete Spalten mit den Stöcken oder dem Pickel zunächst sondiert und anschließend auch mehrmals umgangen werden. Nach einigen Ausweichmanövern und dem Überqueren einer Passhöhe, erreichten wir gegen Nachmittag die Hütte.

Die Hütte hatte den klassischen Charme einer italienischen Bergsteigerunterkunft mit baufällig anmutenden Rissen in der Außenfassade und einem guten Durchzug im Innern. Die Gastfreundschaft der Pächterfamilie war ebenfalls sehr italienisch geprägt, und so verbrachten wir einen netten Abend bei ausgiebigem Essen und ein paar Bier in der Gaststube. Am nächsten Morgen brachen wir nach Sonnenaufgang zunächst Richtung Zufallspitze auf, die wir über deren ausgesetzten Nordgrat ersteigen wollten. Das Wetter war phantastisch. Ein anfänglicher Wechsel aus tief durchziehenden Wolken und Sonnenschein erschuf eine beeindruckend hochalpin anmutende Kulisse, die später einem zumeist wolkenlosen Himmel wich und eine gute Fernsicht ermöglichte. Der Übergang vom Gletscher auf den Nordgrat gestaltete sich vollkommen unproblematisch, da die Randspalte aufgrund des schneereichen Winters noch mit einer tragenden Firnschicht überzogen war. Im Anschluss daran packten wir das Seil aus und sicherten eine Seillänge am steilen und schmalen Firngrat. Danach wurde der Grat breiter und ermöglichte ein seilfreies Gehen bis zum Gipfel der nördlichen Zufallspitze. Geplant war von hier dem Grat folgend direkt zur südlichen Zufallspitze weiter aufzusteigen. Da dieser Weg jedoch schwierige Kletterei in brüchigem Fels bedeutet hätte, entschieden wir uns, den felsigen Gipfelaufbau auf dessen Nordseite zu umgehen.
Diese Variante ermöglichte zwar die Vermeidung dieser schwierigen Felspassage, war jedoch ebenfalls alles andere als einfach. Es galt 100 bis 200 Meter 50° steiles, teilweise vereistes Firngelände querend hinter sich zu bringen. Zum Setzen von Eisschrauben war das Material zu porös, um einen Pickel als Fixpunkt zu vergraben zu hart und zu steil. Daher entschieden wir uns nach kurzer Absprache diesen Abschnitt hochkonzentriert und Schritt für Schritt seilfrei zu überwinden. Nur die letzten Meter des Ausstiegs zurück auf den Grat konnten durch einen T-Anker (= im Schnee vergrabener Pickel) gesichert werden.

Diese Querung stellte den alpinen Ritterschlag unserer Tour dar und wurde von allen souverän gemeistert. Wieder am Grat angekommen erstiegen wir zunächst unschwierig den Gipfel der südlichen Zufallspitze und im Anschluss daran dem Grat weiter folgend den Cevedale-Gipfel mit 3778 m. Wir waren an diesem herrlichen Sonntag die letzten die den Gipfel erreichten, hatten aber auch den schwierigsten Aufstieg. Vor uns erreichten etwa 20 bis 30 weitere Bergsteiger den Gipfel, insgesamt also eher ein „ruhigerer“ Tag.

Wie bei vielen Bergtour üblich, erfolgte nun der Teil der Tour, dem die Wenigsten mit besonderem Enthusiasmus entgegenblicken: der Abstieg. Es galt nahezu 2000 Hm in einem Zug zurück nach Sulden abzusteigen. Dank unserer bereits am Vortag gelegten Spur und der zumeist gutmütigen Schneekonsistenz, gestaltete sich dies jedoch ausgesprochen unproblematisch und ging verhältnismäßig rasch über die Bühne. Kurz bevor wir den Gletscher verließen, löste sich dann aber noch kurz ein Steigeisen von meinem Schuh, was mich zu Fall brachte. So konnte ich doch noch die ansonsten obligatorische, blutende Schramme mit nach Hause nehmen, von der ich schon dachte, sie würde mir / uns dieses mal verwehrt bleiben!

> David Rumscheidt mit Armin, Jan und Jennifer