/, Tourenbericht 2019/GTA – Grande Traversata delle Alpi

GTA – Grande Traversata delle Alpi

4.8.2019 Capanna Corno Gries

Von Nördlingen geht es mit der Bahn nach Airolo. Wir sind zehn Menschen, die sich nicht kennen und es ist meine erste Wanderung, die ich in mir selber unbekanntes Gebiet führe. Ich bin gespannt! Die Gruppe ist sehr nett, die Bahnfahrt verläuft reibungslos, alle sind fröhlich, gut gelaunt und erwarten voller Neugier die kommenden Tage. In Airolo angekommen warten wir noch eine Stunde auf den Postbus, der uns zur Alpe di Cruina bringt. Von dort haben wir noch eine Stunde Aufstieg zu unserer ersten Hütte, dem Alpenraumschiff Capanna Corno Gries auf 2338 m. Bereits auf dieser Hütte merken wir, dass wir nahe dem Piemont, dem Entstehungsland von Slow Food sind: Kulinarisch werden wir mit typischen Gerichten der Region und lokalen Leckereien verwöhnt. Slow Food ist eine Bewegung, die sich für ein sozial und ökologisch verantwortungsvolles Lebensmittelsystem einsetzt, welches die biokulturelle Vielfalt und das Tierwohl schützt. Ganz mein Ding!

5.8.2019 Ouvertüre in Eis, Ziel Rifugio Margaroli

Wir starten heute zeitig – ein langer Marsch wartet auf uns. Sonne und Wolken wechseln sich ab, das Wetter ist uns heute wohlgesonnen. Es geht ziemlich entspannt los und bereits nach einer Stunde erreichen wir den Griesspass. Wir sehen am Fuß des Gletschers den Griesssee mit Staumauer und daneben einige Windräder. Jetzt geht es steil hinunter zur Alpe Bettelmatt, welche namensgebend für den berühmten Käse ist. Ich dachte, man kann den Käse auch hier kaufen, doch das können wir erst morgen wenn wir Crampiolo erreichen. Im Abstieg befindet sich noch ein Schneefeld, was komplett unterhöhlt ist. Werner, Thomas, Martina und ich stellen uns darunter und laufen ein Stück in die „Schneehöhle“ hinein. Es tropft und ist sehr kühl, mir ist es irgendwie unheimlich.

Wir steigen weiter ab und bevor wir den zweiten Stausee Lago di Morasco erreichen, machen wir Rast am Gebirgsbach und kühlen die warmgelaufenen Füße. Der Weg führt uns weiter über die Staumauer wo wir einen schönen Blick auf das Walserdorf Riale werfen können. Die Kirche wurde dort auf einem Felsplateau neu gebaut, weil das Dorf Muraschg 1940 dem Stausee weichen musste. Wir folgen einem Pfad zur Alpe Nefelgiù der uns schnell 200 Hm aufsteigen lässt. Der weitere Weg zur Alpe ist erholsam und gesäumt von Blumen. Nach der Alpe geht es dann sehr steil bergauf zum Passo di Nefelgiù, wo Brigitte ihren Schutzengel treffen wird. Die „Sportgruppe“ zieht ab, ich hänge im Mittelfeld, bleibe aber bei meinem Tempo. Für Brigitte werden die nächsten 540 Hm zur Tort(o)ur: Herz-Kreislauf ist am Ende, der Körper findet keine Erholungsphasen mehr, die Schritte werden schwer. Wie aus dem Nichts erscheinen plötzlich Karin und Bettina aus München. Karin stellt Brigitte den Brustgurt am Rucksack und die Wanderstöcke fürs Bergaufgehen richtig ein und zeigt ihr, wie man geht, wenn Herz-Kreislauf am Ende ist. Mit Karins Hilfe hat sie den Pass erreicht, mit 2583 m den höchsten Punkt auf unserer Tour. Oben angekommen hatten wir alle Tränen in den Augen – so froh und erleichtert waren wir. Jetzt heißt es sich noch einmal konzentrieren und den steilen Abstieg zur Unterkunft meistern. Heute haben wir viel gelernt: ohne Herzbelastungs-Schritte und durch langsames, aber bewusstes Gehen, kommt man erholt und fast ausgeruht ans Ziel (45 Minuten später als die Sportgruppe).

6.8.2019 Fast wie in Kanada, Ziel Alpe Devero

Das Wetter ist durchwachsen und es regnet sich immer mal wieder ab. Typisch für das Piemont. Heute steigen wir zur Scatta Minoa auf. Auf dem Weg zum Pass queren wir einige Schneefelder und leider verdecken Nebel und Wolken die Sicht. Schade! Der Abstieg geht gut voran und ich hoffe, dass sich das Wetter noch bessert, denn: seit ich diese Tour plane wünsche ich mir, den Anblick auf den Lago Devero zu sehen. Kurz bevor wir die Alpe Forno Inferiore sehen, reißt das Wetter auf. Wir erblicken die weite Ebene und ich verstehe warum es „Grande Est“, der Große Osten genannt wird: es ist wirklich wie in Kanada!

Die Gebäude der Alpen in dieser Gegend sind aus Steinen der Umgebung gebaut, sie fallen auf den ersten Blick überhaupt nicht auf und fügen sich schön in die Umgebung und die Topografie ein. „Das sollten sich mal die Dinkelsbühler anschauen!“, denke ich mir. Unten an der Alpe kaufen wir Bettelmattkäse und steigen auf dem Fahrweg weiter ab. In Bayern wäre das eine Teerstraße, aber hier: ein schöner Weg nach menschlichem Maß. Überhaupt ist hier nicht viel geteert, gerade deshalb ist es eine so wunderbare Gegend. Ich wünsche mir dass die Verantwortlichen im Tourismus und in der Politik hier nicht die gleichen Fehler machen wie bei uns: Böden versiegeln und Hotelburgen in fast jeden erdenklichen Winkel der Berge bauen.

Wir biegen um eine Kurve und endlich sehe ich den Lago Devero, eine echte Schönheit mit Insel, Lärchen und Bergpanorama. Wir gehen oberhalb am See entlang und haben immer wieder schöne Ausblicke auf den See mit seinem wunderschönen Blau. Wir erreichen Crampiolo und machen in diesem Bilderbuchdorf (ohne Teer- und Beton-Verwüsterei!) eine Stunde Pause, schließlich soll der Genuss nicht zu kurz kommen! Nach 30 Minuten Gehzeit laufen wir auf der Alpe Devereo ein – unserem Tagesziel. Das Dorf ist wie ein Freilandmuseum (keine Teerstraßen!) und scheint aus der Zeit gefallen zu sein. In unserer kleinen Unterkunft, dem ersten „Hotel“ am Ort, habe ich das Gefühl wir sind im Auenland bei den Hobbits. Kaum angekommen regnet es in Strömen und es gewittert die ganze Nacht. Wieder werden wir mit Hirschgulasch, Polenta, Bohnen, Kartoffeln und Kuchen lecker verköstigt. Für Morgen bleibt das Wetter schlecht gemeldet. Weil wir eine lange Etappe vor uns haben, die zudem zwischen zwei Pässen eine steinschlaggefährdete Passage mit abgerutschtem Weg hat, entscheiden wir, dass wir ein Alpen-Taxi buchen. Das Taxi ist ein kleiner 20-Personen-Bus, Karin und Bettina hängen sich bei uns dran, denn wir haben das gleiche Ziel für morgen: die Alpe Veglia.

7.8.2019 Alpe Devero – Alpe Veglia oder der Rucksack-Tag!

Es regnet. Unser Taxi bringt uns mit einer Stunde Fahrt nach Ponte Campo. Die Landschaft ist sehr schön: die alten Kirchen und die typische landschaftliche Bauweise laden zum Träumen ein. In Ponte Campo angekommen beginnt das große Missverständnis: der Taxifahrer blubbert etwas von „Rucksacktransport“, Karin spricht in Italienisch mit dem Taxifahrer, dieser telefoniert und ich dachte: cool, der ruft den Hüttenwirt an, welcher uns die Rucksäcke hochbringt. Bis auf Brigitte und mich nehmen alle nun doch ihre Rucksäcke mit, wie es sich halt gehört. Wir laufen auf dem alten Saumweg zur Alpe Veglia, es regnet und als wir nach gemütlichen zwei Stunden ankommen sind wir klatschnass. Die Alpe ist malerisch: eine Hochebene mit Wiesen, einem Fluss, Lärchen und dem Monte Leone als optisches Zuckerl. Oben angekommen, stellen wir fest dass den Hüttenwirt niemand informiert hatte und dass das eigentlich nicht er, sondern ein Franco macht mit den Transporten. Aufgrund des Wetters ist zudem das Telefon ausgefallen und Franco ist nicht erreichbar. Im Lauf des Nachmittages wird klar: unsere Rucksäcke bleiben ohne uns im Tal. Das sehr leckere Essen entschädigt ein bisschen und meine Laune ist nicht ganz im Keller. Diese Nacht werde ich nicht vergessen: keine Zahnbürste, keine Klamotten zum Umziehen ­- geschweige denn zum Schlafen. Heute habe ich zwei Dinge gelernt: 1. Der Rucksack bleibt an der Frau! 2. Obwohl uns das Wetter heute den langen Fußmarsch erspart hat, darf man es nicht „noch bequemer“ haben wollen!

8.8.2019 Ziel Varzo

Brigitte und ich laufen am nächsten Tag vor der Gruppe los, um zu unseren Rucksäcken im Tal abzusteigen. Das ist nicht weiter schlimm, denn unser Weg für heute führt sowieso (fast) dort vorbei. Während wir absteigen nähert sich hinter uns ein Auto, wir halten den sehr betagten Mann an und haben Glück: er fährt ins Tal! Ich steige ein, mehr Platz ist nicht zwischen den ganzen Kisten in dem kleinen Fiat. Brigitte läuft, sie fährt heute sowieso mit dem Bus nach Varzo, unserem heutigen Ziel. Der gute Mann lässt mich bei den Rucksäcken raus. Ich mache kurz Katzenwäsche (endlich!) und steige wieder ein Stück auf, um meine Gruppe am vereinbarten Punkt zu treffen. Es klappt alles ganz wunderbar und niemand musste auf mich warten. Brigitte nimmt den Bus, Thomas und Christian laufen den Wanderweg am Fluss entlang und wir anderen nehmen den Weg wie geplant: Aufstieg über den Passo delle Posette und dann den langen Abstieg nach Varzo. Dieser Tag entschädigt alles und meinen Rucksack-Wahnsinn habe ich schnell vergessen: wir sehen malerische Alpen, laufen durch Lärchenwälder und oben am Pass sind viele Edelweiß, zu guter Letzt treibt auch noch ein Ziegenhirte seine Herde über den Kamm. Mehr Alpen-Romantik auf einen Schlag geht nicht! Oben am Pass sehen wir im Westen mit dem Weismies die 4000er Berge der Schweiz, unten im Osten Varzo (unser Ziel) und die Bergketten des Nationalparks Val Grande im Süden. Der Abstieg führt uns über Wiesen, voll von Schmetterlingen und alten Alpen über die Mega-Schlucht mit der Brücke „Diavolo“ nach Trasquera. In Trasquera trinken wir erst einen Kaffee und genießen ein Eis, schauen uns die schön gelegene Kirche an, bevor wir über 500 stramme Hm auf dem alten Saumweg nach Varzo absteigen. Bei einem kühlen Radler vor unserem Hotel und abends beim Pizza-Essen feiern wir uns und dass alle die Wanderung unbeschadet überstanden haben. Ich freue mich schon auf die nächste Etappe mit dieser tollen Truppe!

Conny Schmidt

2019-09-06T15:05:24+01:00Fotos, Tourenbericht 2019|